Schlagwort-Archive: Wiedereinstieg

Jobsharing als Führungskraft – ein Erfolgsmodell

Führen in Teilzeit, sich den Arbeitsplatz mit einer anderen Teilzeit-Führungskraft teilen – das ist für viele noch Zukunftsmusik. Doch es gibt bereits gute Beispiele, die zeigen, dass Mitarbeitende und das Unternehmen profitieren. Diese Zahlen machen erst einmal deutlich, dass Jobsharing als Vorgesetzte noch nicht  die Normalität ist (gefunden in managerSeminare, November 2015):

  • Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) arbeiten 57,8 Prozent der Frauen und 20,1 Prozent der Männer in Teilzeit. Die Quote der Männer hat sich seit 1991 mehr als vervierfacht.
  • Das Wissenschaftszentrum für Sozialforschung (WZB) stellt fest, dass nur etwa fünf Prozent der Manager (Frauen und Männer) in Teilzeit arbeiten.
  • Im internationalen Vergleich ist Deutschland „hinterher“. Nach einer Arbeitsmarktstudie von Robert Half gibt es in Großbritannien bei 48 Prozent der befragten Unternehmen Jobsharing, in Deutschland sind es 15 Prozent.

Trotzdem gibt es bereits Best Practice-Beispiele. In dem Beitrag von managerSeminare werden diese Unternehmen aufgeführt:

  • Commerzbank-Filiale Duisburg-Rheinhausen, seit 2009
  • Daimler, Leitung globales Personen- und Strukturdatenmanagement in der IT, seit 2004
  • Universitätsklinikum Heidelberg, Psychomatische Ambulanz, seit 2013

Für die Unternehmen als Arbeitgeber könnte erst einmal der Kostenaspekt im Vordergrund stehen. Eine Stelle mit zwei Personen zu besetzen scheint teurer zu sein. Auch die Frage von Reibungsverlusten oder Machtkämpfen scheinen Argumente gegen Jobsharing von Vorgesetzten zu sein. Doch die Vorteile sind viel größer, hier einige Beispiele:

  • Arbeitgeber gewinnen an Attraktivität, besonders bei den High Potentials und der Generation Y
  • Die Mitarbeiterbindung wird erhöht, die Loyalität ebenso
  • Die Stellvertretung ist einfacher, die Präsenz wird erhöht
  • Geht einer der beiden Vorgesetzten, bleibt das Expertenwissen durch den verbleibenden Mitarbeitenden weiter nutzbar

Natürlich muss bei der einzelnen Stelle geprüft werden, ob dieser Arbeitsplatz „teilbar“ ist. Auf der einen Seite können die Jobsharing-Partner Zuständigkeiten vereinbaren oder sie beenden, was sie angefangen haben, bevor der Partner kommt. Auch Mischformen mit teilweise zugeordneten Aufgabengebieten und einem Bereich von „ich beende, was ich angefangen habe“ sind gut denkbar.

Jobsharer sind oft Eltern, die zum Wiedereinstieg ihre Führungsaufgabe wieder aufnehmen wollen. Für sie zählt, die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie und gleichzeitig Führungsverantwortung leben zu können. Befragte Jobsharer stellen heraus, dass der „Partner“ im Job ein Sparringpartner ist. Austausch, Reflexion oder kritisches Hinterfragen ist durch das Jobsharing inbegriffen. Zwischen beiden sollte die „Chemie“ stimmen. Das meint aber nicht, dass beide gleich sein müssen. Eine ähnliche Wertehaltung und gute Absprachen über Informationsfluss und Kommunikation sind wichtig. Unterschiede im Tun oder den Kompetenzen sind willkommen und bereichern  die Zusammenarbeit. Oft gibt es Regelungen für die „Übergabe“ oder die Dokumentation von Vorgängen. Für viele Jobsharer ist es normal, auch im privaten Alltag erreichbar zu sein. Jobsharer, die vorher schon geführt  haben, sollten sich fragen, ob sie ihre „Macht“ teilen wollen und können.

Die Führungskraft der Jobsharer sollte etwas genauer hinschauen. Wichtig ist aus diesem Blickwinkel, dass die Persönlichkeiten der Teilzeit-Führungskräfte passen und es klare Regelungen für das Aufgabengebiet gibt. Transparente Absprachen zu den Zuständigkeiten und Erreichbarkeiten sind ebenso wichtig wie das „eindeutige“ Auftreten der Jobsharer gegenüber dem Umfeld von Mitarbeitern, Kollegen, Kunden usw.

Im Beitrag „Arbeitsmodell Topsharing – Ein Fall für zwei“ von mangerSeminare, November 2015, werden als Linktipp aufgeführt:

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Kinder und Karriere – das geht!

So titelt ein Interview mit Verena Wankerl, 38 Jahre, Personalmanagement bei der Firma Hettich in der Neuen Westfälischen Zeitung (http://www.nw.de/lokal/kreis_herford/buende/buende/20654962_Kinder-und-Karriere-das-geht.html).

Verena Wankerl hat an der Podiumsdiskussion anlässlich der Präsentation der Studie „Frauen im Management in Ost-Westfalen-Lippe“ teilgenommen. Die Studie zeigt erstmals auf, wie Frauen am Management beteiligt sind. So liegt der Anteil von Frauen im Top- und Mittelmanagementpositionen im Durchschnitt in Ost-Westfalen-Lippe bei 18,2 Prozent gegenüber 11,9 Prozent in 2006. Die Studie finden Sie hier: http://www.ostwestfalen-lippe.de/images/stories/frauenmanagement_final.pdf

Die Hettich Unternehmensgruppe gehört zu den weltweit führenden Herstellern von Möbelbeschlägen. Der Hauptsitz des Unternehmens liegt in der ostwestfälischen Stadt Kirchlengern. Laut Verena Wankerl ist Kompetenzvielfalt ein erklärtes Ziel des Unternehmens. Daher sollen mehr Frauen in Führungspositionen sein. Rahmenbedingungen dafür seien nach ihrer Erfahrung  agile Unternehmensformen wie z. B. Arbeiten in Teilzeit, Gleitzeit und Arbeiten im Homeoffice. Ein weiterer Faktor sei die Weiterentwicklung zu einer Ergebniskultur und das Verabschieden der Präsenzkultur.

Nach Verena Wankerl entstehen schon mit einem Drittel von Frauen in Führungspositionen deutliche Effekte Sie selbst war mit dem zweiten Kind in Elternzeit und ist im Januar mit 50 Prozent wieder eingestiegen. Davor hat sie 80 Prozent gearbeitet.

Für Hettich ist eine Elternzeit von 12 Monaten ideal, damit der Wiedereinstieg gut funktioniert. Während der Elternzeit an Betriebsversammlungen, Teamevents teilzunehmen oder mit wenigen Stunden in einem Projekt mitzuarbeiten hilft beiden Seiten, um „drin“ zu bleiben. Akzeptanz jedes Lebensmodells ist eine wichtige Grundlage, so dass jede Familie ihre Entscheidung treffen kann. Als Arbeitgeber die Rahmenbedingungen zu gestalten und als Wiedereinsteiger Betreuung und Haushaltsführung zu organisieren und die gemeinsame Entscheidung der Eltern zur Berufstätigkeit beider sind die drei Pfeiler für eine gelingende Vereinbarkeit. Wie viele Best Practice-Interviews hier im Blog rät auch Verena Wankerl, auch mal „fünf gerade sein zu lassen“ und Nein zu sagen, wen nicht alles zu schaffen ist.

Schön, wenn es Modelle für den gelungenen Wiedereinsteig gibt!

Arbeitende Mütter – schon ein Normal“fall“?

Die verstärkte Einbindung von Mütter in das Berufsleben trägt zu einer Steigerung des Bruttoinlandsproduktes (BIP) – so gefunden in Alex 3/2015. Dort wird auch eine Studie von Regus zitiert, an der 44.000 Berufstätige aus mehr als 100 Ländern teilgenommen haben:

  • 86 % in Deutschland (D), weltweit 83 %, sind davon überzeugt, dass flexible Arbeitskonzepte den Schlüssel zum Erfolg darstellen. So ließen sich Fachkräfte mit Kind für einen Job gewinnen und ans Unternehmen binden.
  • Mütter würden für ihre Erfahrung und ihre Kompetenz geschätzt (48 % in D, 55 % weltweit)
  • Mütter wären zuverlässig (30 % in D und ebenfalls weltweit) und hätten ein ausgezeichnetes Zeitmanagement (47 % in D, 31 % weltweit)

Die Zahlen machen Mut und sollten den Personalverantwortlichen geläufig sein und von Wiedereinsteigern in den Rückkehrgesprächen „platziert“ werden. Viel Erfolg dabei!

 

Best Practice: Früher Wiedereinstieg hilft bei der Vereinbarkeit!

Die beruflichen Stationen von Julia sind vielfältig. Nach dem Studium ist sie z. B. in der Beratung und in großen Projekten aktiv. Heute ist sie Professorin an einer Hochschule. Sie hat zwei Kinder im Alter von 10 und 12 Jahren. Nach dem ersten Kind ist sie nach neun Monaten wieder eingestiegen. Das realisierte sie mit einem 60 %igen Beschäftigungsumfang als drei „lange“ Tage im Büro. Nach dem zweiten Kind arbeitete sie weiter mit einem flexiblen Teilzeit–Modell. Die gesetzliche Rahmenbedingungen zu diesem Zeitpunkt waren „Teilzeit in Elternzeit“ mit bis zu 30 Stunden pro Woche. Vollzeit arbeitet sie seit fünf Jahren mit Homeoffice-Anteilen. Das ist vor allem seit dem zweiten Kind wichtig.

Zur Partnerschaft

Julia ist verheiratet. Vätermonate gab es zur Zeit der Geburt der Kinder noch nicht. Beim ersten Kind hat der Vater sich beruflich verändert aus einem Job mit einem 14 bis 15 Stunden Tag in eine Anstellung mit weniger Reisetätigkeit, um mehr zu Hause sein zu können. Für ihn ist es selbstverständlich, dass er sich genauso um die Kinder kümmert. Die „Arbeitsaufteilung“ als Eltern ist nötig, da beide Vollzeit arbeiten. Elternabende sind für beide ein Thema, auch wenn Julia mehr Termine wahrnimmt. Die Hilfe bei den Hausaufgaben wird nach dem „Spaß-Prinzip“ verteilt. Wenn ein Kind krank ist, sprechen beide ab, wer gerade besser zu Hause bleiben kann.

Die Arbeitgeber

Der erste Wiedereinstieg gestaltete sich nicht so einfach: „Weil ich Mutter war, habe ich Aufgaben bekommen, die ich früher selbst delegiert habe.“ Julia erlebt einen Rückschritt – weil männliche Führungskräfte dachten, sie könne das nicht. Der zweite Wiedereinstieg war einfacher, weil kurz vorher Projektarbeiten abgesprochen waren. Vor zehn Jahren war das eher ungewöhnlich, heute sind Projektaufgaben eher normal. Diese Projektzeit dauerte ein Jahr, dann erfolgte der nächste Umzug und es stand wieder Neues an. Wer sich jetzt wundert, wie das gehen kann – diese Frage habe ich auch gestellt. Julia war zu dieser Zeit bei einem großem Konzern beschäftigt, der an ihren jeweiligen Wohnorten eine Niederlassung hatte. Das bedeute zwar jeweils einen neuen Vorgesetzten und neue Aufgabenbereiche, doch auch immer wieder die Möglichkeit, weiterzuarbeiten. Der Konzern arbeitete mit Familienagenturen zusammen. Darüber konnten Tagesmütter gefunden werden. Hier weist sie im Interview darauf hin, dass das auch für Väter möglich ist, die bei großen Konzernen arbeiten!

Was hat ihr gut getan als Wiedereinsteigerin?

Julia genoss es, neben all den Babythemen den Kopf für andere Dinge wieder frei zu bekommen. Ihr ist es wichtig, das zu tun, was sie kann und wofür sie ausgebildet ist. Der Wiedereinstieg soll daran wieder anknüpfen können. Im Beruf kann sie wieder unter erwachsenen Menschen sein

Was hat sie vermisst?

Julia fehlte das Verständnis mancher Vorgesetzter für die Doppelgleisigkeit von Familie und Beruf. Arbeitende Eltern müssen pünktlich gehen, auch wenn sich z. B. Besprechungstermine verschieben. Viele Mütter in ihrem Umfeld hätten mit Unverständnis auf den frühen Wunsch des Wiedereinstiegs reagiert. Als die Kinder noch klein waren, hieß es häufig: „Genieße lieber deine Elternzeit, dem Kind tut das gut.“ Kam man abgehetzt zum Elternsprechtag, weil dieser bereits um 18 Uhr startete: „Ist doch klar, das ist zu viel.“ Dadurch hätten Eltern oft das Gefühl, niemandem gerecht zu werden. Man braucht ein dickes Fell für schräge Blicke oder blöde Bemerkungen – so ihre Erfahrung. Sie wünscht sich mehr Verständnis für berufstätige Eltern – ohne sich rechtfertigen zu müssen oder bewertet zu werden.

Was ist aus ihrer Sicht die größte Hürde für einen erfolgreichen Wiedereinstieg?

Die Akzeptanz von Gesellschaft und Unternehmen, dass Mütter nicht alles Berufliche vergessen, wenn ein Kind da ist! Mütter wollen arbeiten und wollen dies auch können. Bei ihr schloss der Ganztageskindergarten um 16:00 Uhr – das sind keine guten Rahmenbedingungen für arbeitende Eltern. Das hat sich heute zumindest in Teilen verbessert.

Was könnten Arbeitgeber noch mehr oder anders tun, damit der Wiedereinstieg leicht gelingt?

Vor dem Wiedereinstieg ist ein Gespräch mit dem Chef wichtig, um gegenseitige Erwartungshaltungen austauschen. Was kann, will und soll z. B. in Teilzeit geleistet werden? Was wird evtl. an Überstunden erwartet, was ist dabei zumutbar? Vielleicht ist ein Homeoffice passend? Das Ganze sollte in einer offenen Gesprächsatmosphäre stattfinden. Auf alle Fälle brauchen arbeitende Eltern einen längeren Planungshorizont. Eltern sollten aber bereits Vorschläge mitbringen – und immer wieder Kommunikation einfordern. Führungskräfte müssen für die Bedürfnisse von Familien sensibilisiert werden.

Julia erzählt, wie eine beruflich erfolgreiche Freundin ohne Kinder von zwei Abteilungsleitern mit Kindern gebeten wurde, Meetings um 17:00 Uhr enden zu lassen – beide wollten ihre Kinder abends noch sehen. Ihre Freundin hatte das nicht im Blick.

Was müsste „die Gesellschaft“ tun oder anders denken, damit der Wiedereinstieg für arbeitende Eltern gut gelingt?

Es braucht in Deutschland eine andere Geisteshaltung, wie z. B. in Holland oder Finnland. In den Niederlanden können beide Eltern in Teilzeit arbeiten, ohne einen Ansehensverlust oder Einschränkungen bei der Karriere. Hinderlich sind die lange Arbeitszeiten in Deutschland: 19:00 oder 20:00 Uhr sind eher die Regel als die Ausnahme. Das aber geht zu Lasten der Kinder. Mehr Verständnis sei zudem wichtig, da junge Familien eine Vielzahl von zusätzlichen zeit- und organisationsintensiven Tätigkeiten wahrnehmen, bis die Kinder selbständiger sind,. Damit beide Eltern berufstätig bleiben, müsste in der Öffentlichkeit mehr darüber berichtet werden, wie Elternsein und Arbeiten gelingt, statt dass der Fokus der Berichterstattung auf den Schwierigkeiten liegt.

Was müsste sich in ihrem persönlichen Umfeld verändern, damit sie und ihre Familie Beruf und Privates gut oder noch besser vereinbaren können?

Auch wenn es Unterstützung durch den Arbeitgeber gab, ist die Betreuung nach wie vor ein Thema, weil eben alles selbst organisiert werden muss. Die Aufnahme von Au-pairs war eine gute Entscheidung für einige Jahre, da musste nicht jeder Tag neu organisiert werden. Was fehlt, sind Institutionen z. B. in der Kommune, die für Betreuungsfragen zuständig sind und die Serviceangebote unterschiedlichster Art, privat und öffentlich, bündeln. Für die Familie von Julia ist die Betreuungsfrage wichtig, da durch die Umzüge eher weniger Freunde vor Ort sind und die Großeltern weiter weg wohnen und so im Alltag nicht verfügbar sind. Ein besserer Zugang zu Betreuungsangeboten macht einen Jobwechsel und den Wiedereinstieg leichter und Eltern sind dadurch flexibler. Das ermöglicht Müttern z. B. auch den Weg in die Selbstständigkeit.

Was ist der beste Tipp für andere Wiedereinsteiger?

Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben! Daher sollen Eltern mit Vertrauen an alles herangehen und sich gut vorbereiten, aber nicht zu Tode planen – das geht mit Kindern sowieso nicht. Eltern sollten um Hilfe fragen und im Job auch mal „Nein“ sagen können. Aufgaben sollten auch abgegeben werden. Manche Termine muss man absagen, man kann und muss nicht alles machen.

Julia hat die Erfahrung gemacht, dass kleine Kinder sehr zufrieden mit guter und qualifizierter Betreuung sind – das ist auch gut zu bekommen. Wenn Kinder größer werden, sind andere Strukturen nötig. Eltern sollten daher früh wieder einsteigen. Man ist dann fester im Job und kann die die Bedürfnisse der größeren Kinder besser verhandeln. Der Arbeitgeber und auch die Kinder konnten bis dahin die Erfahrungen machen, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie klappt. So ist die Verhandlungsposition besser.

Julia rät Eltern, auch Zutrauen in andere Erwachsene zu haben, mit ihrem Baby oder Kleinkind gut umgehen zu können. Sie hat mit ihrem ersten Kind erleben können, dass dieses von ihrem frühen Wiedereinstieg profitierte, da es ab dem Alter von neun Monaten zu einer Tagesmutter mit zwei älteren eigenen Kindern ging und dort viel mit seinen großen „Gastgeschwistern“ spielen und von ihnen lernen konnte.

Wenn Sie Ihren Wiedereinstieg mit einem Satz beschreiben würden, wie wäre dieser?

Kinder sind Erfüllung, Arbeiten auch – Eltern sollen es einfach wagen und dafür den evtl. Perfektionsmuszwang zügeln.

Ende des Betreuungsgeldes? Den Wiedereinstieg planen!

Ohne zu kommentieren, ob das Betreuungsgeld sinnvoll ist oder nicht, wird die Entscheidung des Bundesgerichtshofes für einige Familien den Wiedereinstieg nötig machen. Was ist dabei zu beachten?

  1. Kein schlechtes Gewissen!
    Viele Studien belegen, dass es Kindern auch gut tut und sie sich positiv entwickeln, wenn sie neben einer stabilen Familie in einer Einrichtung oder bei Tageseltern oder anderen Personen betreut werden.
  2. Wer steigt wie wieder ein?
    Klären Sie in Ihrer Partnerschaft, welche Zeitmodelle für Sie beide passen. Wer möchte wie viel arbeiten? Wer möchte den Nachwuchs wie betreuen? Hier möchte ich den Vätern Mut machen. Einige Studien in den letzten Monaten zeigen deutlich, dass Väter von Elternzeit bzw. Teilzeit für die Kinderbetreuung profitieren.
  3. Wie wird die Betreuung geregelt sein?
    Neben einer geregelten Betreuung durch Krippe, Kita oder Tageseltern kommen hier oft auch Eltern oder Schwiegereltern ins Spiel. Auch Aupair oder Kinderfrauen sind in einigen Familien „dran“. Egal, für welche Variante Sie sich entscheiden – oder entscheiden müssen: Stehen Sie dazu. Ihr Kind kann von diesem Standing sich die eigene Sicherheit abholen.
    Denken Sie bei der Planung der Betreuung auch an „unplanbare“ Situationen. Eltern oder Schwiegereltern sind vielleicht nicht die normale Betreuung – können aber aushelfen, wenn der eigene Terminplan mit dem des Nachwuchses oder der Betreuung nicht zusammenpasst. Auch Freunde, die die Kinder in der gleichen Betreuung haben oder die ehemalige Tagesmutter kann ein gutes „zweites Netz“ sein.
  4. Was will ich arbeiten?
    Ein Ausstieg, um sich um die Familie zu kümmern und das Erziehen von Kindern verändert bei einigen Wiedereinsteigern die berufliche Perspektive. Prüfen Sie bei sich: Was wird mir Freude machen? Ist mein bisheriger Job noch passend für mich? Oder hat sich durch die „Auszeit“ der berufliche Fokus verändert? Ein Wiedereinstieg ist eine gute Chance, die Weichen neu zu stellen.
  5. Wo will ich arbeiten?
    Die Zäsur durch Mutterschutz und Elternzeit stellen auch so manchen Arbeitgeber in ein anderes Licht. Ist das noch die Firma, wo Sie arbeiten wollen? Sind dort Ihre Wünsche zur Arbeitszeit zu verwirklichen? Passt die Unternehmenskultur zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie? Ein Wiedereinstieg ist auch eine gute Chance, sich neu auf den Weg zu machen und wo anderes wieder anzufangen.
  6. Aktivieren Sie Ihre Netzwerke!
    Wenn Sie sich verändern wollen und außerhalb der gesetzlichen Regelungen (Teilzeit in Elternzeit, Rückkehr nach der Elternzeit) einen Arbeitsplatz finden wollen, tun Sie das kund. Hören Sie sich in Ihrem Umfeld um. Wer arbeitet wo – und wie ist es dort? Wer kennt wen? Wo wird gerade was gesucht?
  7. Zeitarbeit kann ein guter Einstieg sein!
    Nicht immer hat diese Branche ein gutes Image. Doch neben wahrscheinlich wenigen schwarzen Schafen gibt es viele gute Unternehmen, die auch und gerade Wiedereinsteigern eine gute Plattform bieten. Schauen Sie, welche Zeitarbeitsfirmen in Ihrem Umfeld sind. Schauen Sie sich deren Internet- oder Social-Media-Auftritte an. Machen Sie einen unverbindlichen Termin und stellen Sie sich vor.
    Ein Teil meiner mittelständischen Kunden sucht gar nicht mehr selbst per Anzeige nach neuen Mitarbeitern, sondern beschäftigt Zeitarbeitskräfte. Wenn Mitarbeiter und Unternehmen passen, wird oft eine Anstellung angeboten
  8. Überstürzen Sie nichts!
    Wenn ich die Pressemeldungen richtig verstanden habe, wird das Betreuungsgeld nicht sofort ausgesetzt. Nutzen Sie die Zeit, um gute Entscheidungen zu treffen.

Allen, die nun „fremdbestimmt“ sich auf den Weg machen, wünsche ich viel Erfolg und gutes Gelingen!

 

Alleinerziehend – verkannte Mitarbeitende

Nach einer Recherche von karrierebibel.de gibt es in Deutschland 2,7 Millionen Alleinerziehende, 2,3 Millionen davon sind Frauen. Nach dem Arbeitsmarktreport von Nordrhein-Westfalen sind von den 569.000 Alleinerziehenden 345.000 erwerbstätig. Der Anteil ist damit höher als der Mütter, die in einer Partnerschaft leben.

Alleinerziehende Wiedereinsteigende haben es oft schwer. Ihnen begegnen bei der Personalauswahl Stereotype: Sie seien unflexibel, würden durch die Kind/er mehr fehlen und eher seien unqualifiziert. Doch stimmt das? Karrierebibel.de stellte eine Liste zusammen: Was bringen Alleinerziehende aufgrund ihrer Lebenssituation mit:

  • Organisationsfähigkeit
    Der Alltag mit der Organisation von Kindern, deren Terminen, dem Haushalt und dem eigenen Job – das geht nicht ohne Organisationstalent. Und mit diesem Talent stehen Alleinerziehende im Job!
  • Verantwortung
    Alleinerziehende können sich Verantwortung nicht teilen. Sie müssen Verantwortung übernehmen für sich und ihre Familie. Ob verantwortungsvolles Handeln schon als Fähigkeit da war oder nicht, sie ist trainiert.
  • Motivation
    Alleinerziehende sind der alleinige Ernährer der Familie. Teilweise geschieht der Wiedereinstieg nach einer Phase der Arbeitslosigkeit. Das sind gute Rahmenbedingungen für Motivation.
  • Bildung
    Auf der einen Seite steigt der Bildungsgrad in der Bevölkerung. Auf der anderen Seite ist der Anteil an Frauen ohne Berufsausbildung z. B. in Nordrhein-Westfalen bei 63 Prozent der alleinerziehenden Frauen. Trotzdem gibt es viele gut qualifizierte Mütter.
  • Loyalität
    Wer als Alleinerziehender einen Arbeitsplatz gefunden hat, wird diesen nicht wegen ein paar Euro mehr wechseln.
  • Erfahrung
    Alleinerziehende bringen viel Erfahrung auch zum Thema „Vereinbarkeit“ mit. Wie alle anderen arbeitenden Eltern auch, bringen Alleinerziehende einiges an Erfahrung im Bereich der „social skills“ mit.
  • Budgetplanung
    Mit einem Gehalt eine Familie zu ernähren ist keine einfache Ausgabe. Privat müssen Alleinerziehende haushalten können – und beruflich kann diese Fähigkeit gut eingesetzt werden.
  • Verdienst
    Mit diesem Aspekt wird Karrierebibel.de leicht pathetisch. Die Kinder geben uns und dem Staat unsere Zukunft. Alleinerziehende sollten daher eine Beschäftigung bekommen.

Hier ist der Link zum vollständigen Artikel;: http://karrierebibel.de/mitarbeitersuche-8-argumente-fuer-alleinerziehende/

Mein Wiedereinstieg: Augen auf und los!

Nastja, 51 Jahre alt, ist vielleicht eine besondere Wiedereinsteigerin. Ihr Mann und sie haben 2013 zwei Pflegekinder (Geschwister, heute 5 und 7 Jahre alt) in ihre Familie aufgenommen. Eigene Kinder haben sie nicht.

Nastja war und ist selbstständig als Coach. Sie hat einige Zeit vor der „Familienwerdung“ begonnen mit einer Coaching-Firma zusammenzuarbeiten. Diese übernimmt etliche Aufgaben wie z. B. Webseite oder Administration. Als Jahresdurchschnitt arbeitet sie ca. 20 %. Sie versucht, mehr Teamcoachings als Aufträge zu erhalten, da diese effizienter zu bearbeiten sind als Einzelcoachings. Neben dieser bezahlten Arbeit ist Nastja ehrenamtliche Bürgermeisterin in ihrem Wohnort.

Vätermonate gibt es bei Pflegekindern nicht – diese Möglichkeit fehlt ihrem Mann. Er ist auf Management-Ebene tätig und kommt geplant nicht vor 20:00 Uhr nach Hause. Damit gibt es zwischen beiden die eher klassische Aufteilung: Sie kümmert sich um die „Familienarbeit“, er macht die „Männerarbeiten“. Wenn Nastja Kundentermine hat, kann er sich einen Homeoffice-Tag einrichten. Geplant früher nach Hause kommen ist für ihn auch möglich.

Nastja, wie organisierst du deine Familie?

„Eine Putzfrau hatte ich schon immer. Nun ist noch eine Babysitterin dazu gekommen. Sie ist alle zwei Wochen da. So kann ich Arbeitstermine gut planen oder diese Zeit auch für mich selbst nutzen. Hier im Dorf unterstützen wir uns gegenseitig, in dem die Kinder sich verabreden und bei anderen Kindern spielen. So hat jede Mutter mal „frei“. Ich genieße zudem die Ganztagsbetreuung im Kindergarten und in der Schule. Das entlastet den Familienalltag sehr, da die Kinder das Mittagessen in der Betreuung zu sich nehmen. Und dabei ist das Ganze bezahlbar: Für den Kindergarten zahlen wir nur das Essen, mit der Betreuung in der Schule kostet uns das insgesamt ca. 100 EUR pro Monat.“

Was tut dir gut?

„Alle berufstätigen Frauen hier haben die gleichen Herausforderungen, das schafft ein gemeinsames Verständnis. Wir unterstützen uns gegenseitig und so entstehen für jeden Freiräume. Gerade dadurch, dass wir Pflegekinder haben, finde ich die Gespräch mit meinem Mann wichtig. So können wir gemeinsam die Entwicklung der Kinder reflektieren.“

Was hast du vermisst?

„Ruhezeiten! Am Anfang waren unsere beiden einfach anstrengend, weil es Pflegekinder sind. Das hat sich heute verändert. Ich vermisse aber nach wie vor meine „alten“ Freiheiten in der Gestaltung meines Tagesablaufes. Wünschen würde ich mir etwas mehr Struktur bei meinem Mann. Ich fände es schön, wenn er mehr Aufmerksamkeit hätte für die oft nur kleinen Dinge des Alltags – doch das wird wohl so bleiben.“

Was ist für dich eine große Hürde beim Wiedereinstieg?

„Eltern sein ist ein fortlaufender Prozess. Ich kann als Mutter nicht mehr alles im gleichen Maß machen wie früher, mein Zeitpotenzial ist einfach kleiner. Ich muss mich daher viel mehr entscheiden, was noch geht und was nicht – und damit zufrieden sein. Das Zeitpotenzial wird aber auch wieder größer, weil die Kinder älter werden. Eine für mich unangenehme Erfahrung ist, dass mein Tag nicht mehr so planbar ist. Vor den Kindern war mein Tag durchgetaktet. Heute sind meine Planungseinheiten kleiner. Als Herausforderung empfinde ich größere Projekte wie z. B. die Renovierung der Küche.“

Wie ist es mit deinen Kunden und dem Wiedereinstieg?

„Für mich hat sich die Kooperation mit der Coaching-Firma bewährt. Ich habe mir vor 2013 schon einiges an Kontakten und Kunden aufgebaut. Wenn ich einen Termin wegen der Kinder absagen muss, bekomme ich Verständnis. Gerade, wenn die Kinder adhoc auf Prio A gesetzt werden müssen, spielen meine Kunden mit. Das gilt übrigens auch für den Arbeitgeber meines Mannes. Das entlastet uns beide in der Organisation von Unvorhergesehenem.“

Wie siehst du die Verantwortung der Gesellschaft beim Wiedereinstieg?

„Kinder sind kein Privatvergnügen, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe. In meinem Umfeld ist schon viel vorhanden. Trotzdem sehe ich noch die „Königsweg-Denke“. Für arbeitende Eltern ist die Abweichung von der Regel normal. Ich stelle fest, dass die gelebte Praxis in den Familien sich von der gesellschaftlichen Erwartungshaltung unterscheidet. Das macht den Eltern oft Schuldgefühle und führt zu Frustrationen. Ich wünsche mir mehr Akzeptanz für die individuellen Entscheidungen der jeweiligen Familie. Wir haben heute keine festen Wertemuster mehr, die einen einzigen Weg vorgeben.“

Was müsste sich in deinem Umfeld verändern, damit du und deine Familie Beruf und Privates gut oder noch besser vereinbaren kann?

„Nichts! Mein Mann wird sich nicht ändern. Wenn ich wollte, könnte ich eine Kinderfrau einstellen – dann hätte ich mehr Freiräume. Doch Pflegekinder sind eine andere Aufgabe als eigene. Mehr Betreuung passt für mich daher nicht.“

Was ist der beste Tipp für Wiedereinsteiger?

„Anfangen! Familien bzw. arbeitende Eltern sollten sich nicht scheuen „feste Pflöcke“ einzurammen. Dann kann man beobachten, welche Folgen entstehen. Wenn es nötig wird, passt man an. Planen, vorausdenken geht nicht wirklich. Immer wieder ausprobieren, sich nicht schuldig fühlen und machen, was man selbst kann – das ist wichtig.“

Herzlichen Dank für das Interview und den Einblick in deine Familie.